SECURING EVIDENCE
Nach dem Mauerfall war die Spandauer Vorstadt ein magisches Epizentrum für viele, die nach einer gesellschaftlichen Erneuerung suchten: Aussteiger, Künstler, Visionäre und Hedonisten.
In der Mitte Berlins traf die enttäuschte Aufbruchstimmung der friedlichen Revolution auf die anarchische Selbstermächtigung der westlichen Subkulturen. Der schmale Grat zwischen künstlerischer Lebensführung, genialem Dilettantismus und Touristenspektakel wurde täglich aufs Neue vermessen – man träumte für eine kurze Zeit von einer konkret werdenden Utopie.
Doch der Traum war schnell ausgeträumt: Mit rasender Geschwindigkeit verdammte der sozioökonomische Strukturwandel das einst so anarchische Chaos zur wohlkalkulierten Performance.
Fragments of Yesterday versteht sich als künstlerischer Forschungsbericht, der sich sturen Denkmustern verweigert – kein starres Monument aus Stein, sondern ein lebendiges, multiperspektivisches Denkmal, das sich im ständigen Wandel befindet.
Das Bruchstückhafte ist hier Absicht: Die unvollständigen Fragmente spiegeln genau die Realität wider, die sie untersuchen – eine Welt, die aus den Fugen geraten und zerrissen ist. Dabei ist die persönliche Lebensgeschichte des Forschenden eng mit den Orten des Geschehens verbunden. Die gesammelten Fundstücke sind immer auch persönliche Erinnerungsspuren. Sie erzählen vom Miterleben radikaler Krisen und dem Gefühl von Verlust und Wandel. Doch im Akt des Sammelns liegt ein widerständiges Auflehnen gegen den Verfall und das Vergessen: Die Fragmente werden zu Zeugen einer Hoffnung, die sich der Zerstörung widersetzt und im Trümmerfeld des Gestern nach den Fundamenten für ein Morgen sucht.
Das Projekt setzt auf die Philosophie des Flüchtigen und integriert das produktive Scheitern an einer lückenlosen Rekonstruktion als festen Bestandteil seiner Methode. Es nimmt das Vergängliche und Unfertige als historische Quelle ernst und vertraut darauf, dass sich der Sinn erst durch die mikrologische Betrachtung der Bruchstücke – in ihren sich ständig ändernden Sinnzusammenhängen – von selbst erschließen wird.
“Der Vorwurf unpolitisch zu sein geht offenbar an dieser Kunst vorbei, da sie das Politische auf übergreifende Formen des Zusammenseins ausweitet. Aber ist es überhaupt “Kunst”? Diese zerbröselnden Dinge tragen den Zweifel am fertigen “Werk” und seinem Anspruch schon in sich. Sie sind miserabel, vergänglich, banal: Spuren und nicht mehr. Sie illustrieren eine gewisse Vergeblichkeit des eigenen Tuns, aber gerade diese Armseligkeit macht aufmerksam. Weniges kann viel bewirken ... zumal wir an dem Punkt stehen, da sich fast alle gewohnten Zusammenhänge auflösen, seien sie familiärer, sozialer, geistiger Natur.“
Günter Metken 1974
Jan Henselder ist Bildwissenschaftler und Experte für zeitgenössische historische Transformationsprozesse. Er widmet sich der Sicherung, Analyse und Vermittlung audiovisueller Spuren gesellschaftlichen Wandels. Ein zentrales Fundament seiner Arbeit bildet die angewandte künstlerische Forschung (Artistic Research) an der Schnittstelle von theoretischer Reflexion und ästhetischer Praxis.
Weitere Informationen folgen in Kürze.
Kontakt: jh@interscreen.org
Das Projekt wurde durch ein Arbeits- und Forschungsstipendium der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt gefördert.